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VERHÜTUNG UND ABTREIBUNG


(Überarbeitete Fassung des Kap. III. aus:
Manfred M. Müller, Mehr Licht. Die Heilung der Abtreibungswunden, Wien 2006)

„Und was die Verhütungsmittel betrifft, so liegt ein paradoxer negativer Sinn darin, dass die möglichen zukünftigen Generationen allesamt die Leidtragenden oder Untertanen einer Macht sind, die von den jetzt Lebenden gehandhabt wird. Durch die bloße Empfängnisverhütung wird ihnen die Existenz vorenthalten; durch Verhütungsmittel im Dienst der selektiven Zeugung unterwirft man sie, ohne dass sie ein Wort dazu sagen können, der Willkür einer einzigen, aus ihren Eigeninteressen entscheidenden Generation. Unter diesem Gesichtspunkt erweist sich, was wir des Menschen Macht über die Natur nennen, als einige von wenigen mit Hilfe der Natur über andere ausgeübte Macht.“ (C. S. Lewis, Die Abschaffung des Menschen)


S
eit Jahren kursiert das Schlagwort: „Lieber verhüten als abtreiben.“ Suggeriert und impliziert wird mit diesem Slogan mehreres:

  1. Wer verhütet, treibt nicht ab.

  2. Je mehr verhütet wird, desto weniger wird abgetrieben.

  3. Verhüten ist ein moralisch guter Akt, denn er verhindert die Abtreibung.

  4. Wer verhütet, ist pro life.

  5. Es gibt nur die Wahl zwischen verhüten oder abtreiben.

Alle fünf Schlussfolgerungen sind nachweislich falsch, sind willentliche oder unwillentliche Entstellungen des wahren Sachverhalts.

Beginnen wir mit der ersten Unterstellung: „Wer verhütet, treibt nicht ab.“ Das hört sich für den modernen Zeitgenossen gut an. Denn auch er, so wollen wir gutgläubig annehmen, will keine Kindstötung. Das Gewissen mag durch Parolen abgestumpft sein, eingeschläfert. Gleichwohl würde die Mehrheit, konfrontiert mit der nackten Frage: „Wollen Sie Ihr Kind durch Abtreibung töten?“, wahrscheinlich mit „nein“ antworten. Wer will schon ein Mörder sein?[1] Und die gängige Zusatzantwort würde vermutlich lauten: „Es gibt ja Verhütungsmittel, man muß es ja erst gar nicht bis zur Abtreibung kommen lassen.“

Auf den ersten Blick, und viele riskieren keinen zweiten Blick, hat diese moderne Beweisführung etwas Eingängiges. Das Fatale ist nur, daß sie falsch ist. Viele Frauen (selbst Ärztinnen, wie wir aus eigener Erfahrung bestätigen können) wissen nicht oder wollen nicht wissen – weil sie vielleicht nie sich diesbezüglich informiert haben oder den Beipackzettel der Antibabypille, die sie täglich schlucken, nicht gelesen oder das Medizinerdeutsch des Beipackzettels nicht verstanden haben oder lieber Ideologie als Aufklärung betreiben wollen – was der Bevölkerungsexperte Francois Geinoz notiert: „Die meisten als Kontrazeptiva [sprich Verhütungsmittel] deklarierten Mittel sind Abtreibungsmittel. Oft bewirkt eine Pille oder eine Spirale die Tötung eines Embryos.“[2] Man könnte dies für die Privatmeinung eines Wissenschaftlers halten. Aber weit gefehlt. Die Firma Schering, bekannter führender Hersteller von Kontrazeptiva, z.B. von der „leichten Pille“, hat diese abtreibende Wirkung der Pille ohne weiteres selbst zugegeben. In einem Brief an den Redakteur der Wiener „Verbraucherinformation“ schreibt die Pharmafirma 1987 wörtlich: „Ebenso wie alle anderen östrogen- und gestagenhaltigen Kontrazeptiva verhindert auch die ‚leichte Pille’ die notwendigen physiologischen Voraussetzungen, die für eine Einnistung der Eizelle in der Uterusschleimhaut notwendig sind. Ihre kontrazeptive Wirkung besteht daher nicht nur in der Verhinderung des Eisprunges und der Hemmung der Spermienaszension, sondern auch in der Unterdrückung eines normalen zyklischen Aufbaues der Gebärmutterschleimhaut.“[3]

Übersetzen wir, was hier medizinisch kühl konstatiert wird, in allgemeinverständliche Sprache. Dazu ist ein bisschen Biologie nötig. Wie und wann entsteht ein neuer Mensch? Die Biologie sagt: Wenn weibliche Eizelle und männliche Samenzelle zusammenkommen und verschmelzen. Ab diesem Zeitpunkt ist neues menschliches Leben da: unverwechselbar, einmalig, nicht ersetzbar. Dieses neue Leben, das kein unvollständiges werdendes Leben ist, sondern bereits tatsächliches vollständiges Leben im allerersten Wachstumsstadium, denn in dieser nun befruchteten Eizelle sind alle menschlichen Merkmale des neuen Erdenbürgers schon angelegt (der vollständige Chromosomensatz, der vollständige genetische Code) – dieses neue Leben beginnt sich sogleich zu entfalten. Die Zellen teilen sich, das kleine Wesen wächst und wächst. Und es beginnt seine mehrtägige Wanderung durch den Eileiter zur Gebärmutter, wo es sich schließlich für die nächsten neun Monate, bis zum Ende der Schwangerschaft, einnistet. Dieser Vorgang entwickelt sich im Regelfall mit unnachahmlicher Präzision und Schönheit, vorausgesetzt, er wird nicht durch Manipulationen unsererseits zerstört. Die Pille ist eine solche Manipulation.

Was macht die Pille?

Zunächst einmal versucht die Pille, den sogenannten Eisprung (die Ovulation) zu verhindern. Ohne Eisprung gibt es jedoch keine Befruchtung, denn wie wir oben sagten, gehören zwei Träger zur Entstehung eines neuen Kindes: Die weibliche Eizelle und die männliche Samenzelle (das Spermium). Die Verhinderung des Eisprunges ist die erste Wirkung der Pille, warum sie auch weithin als Ovulationshemmer bezeichnet wird.[4]

Die zweite Wirkung der Pille ist eine andere. Trotz Pilleneinnahme kommt es in etlichen Fällen dennoch zum Eisprung. D.h. es liegt jetzt eine weibliche Eizelle vor, die beim Geschlechtsverkehr mit einer männlichen Samenzelle zusammenkommen kann, so dass die Möglichkeit der Befruchtung besteht. Im Klartext: Trotz Pilleneinnahme kommt es in diesem Fall zur Befruchtung und also zur Entstehung eines neuen Kindes. Das Kind in diesem frühesten Stadium macht sich nun auf den Weg in die Gebärmutter. Jetzt setzt die 2. Wirkung der Pille ein. Sie verzögert nämlich den Transport der befruchteten Zelle durch den Eilleiter, was in der medizinischen Fachsprache als Reduzierung der Tubenmotilität bezeichnet wird (Tubenfaktor). Stellen wir uns als Bild einen Rettungswagen vor, welcher schnellstmöglich ins Krankenhaus muß, weil er einen Patienten transportiert, der unbedingt die korrekte medizinische Versorgung benötigt. Aber der Rettungswagen wird auf seinem Weg ins Spital durch Staus, querparkende Autos und Demonstranten am Vorwärtskommen gehindert, so daß der Patient schließlich im Sanitätsauto stirbt. So ähnlich ergeht es dem winzigen neuen Erdenbürger auf seinem Weg durch den Eileiter. Die Pille bewirkt, daß er nur mühsamst vorankommt und die nährende Gebärmutter nicht erreicht. Er verhungert auf dem Weg. „Er stirbt ab, indem er buchstäblich ‚austrocknet’, da er nicht rechtzeitig zur lebensrettenden Einnistung gelangt, die ihm die weiteren Nährstoffe zur Entwicklung zur Verfügung stellen würde.“[5] Sollte es ihm gegen alle Widerstände dennoch glücken, dann tritt die dritte Wirkungsweise der Pille ein. Der Embryo erreicht zwar die Gebärmutter, findet aber dort nicht die Bedingungen vor, die für seine weitere Zukunft notwendig wären. Die Pille hat den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut derart verändert, daß sich das befruchtete Ei nicht einnisten kann. Normalerweise wäre die Gebärmutter (der Uterus) das, was das Wort selbst bereits ausdrückt: ein „mütterlicher“ Ort, ein Ort, der hegt und schützt. Ein Ort zum Wohlfühlen. Diesen Ort hat die Pille zum tödlichen Ort gemacht. Die befruchtete Eizelle findet keinen vorbereiteten Aufnahmeplatz. Sie stirbt ab. In der Sprache des Pillenproduzenten: „auch die ‚leichte Pille’ (verhindert) die notwendigen physiologischen Voraussetzungen, die für eine Einnistung in die Uterusschleimhaut notwendig sind“, sie ‚unterdrückt den normalen Ablauf.’

Was heißt das konkret? Nichts anderes, als dass von der Frau unbemerkt gleichsam ‚stille’ Abtreibungen vor sich gehen. Denn die Zellen, die keinen Aufnahmeplatz in der Gebärmutterschleimhaut finden und abgestoßen werden, sind keine x-beliebigen, manipulierbaren Zellhaufen, sondern ein Embryo, ein Kind im Frühstadium.

Zudem: Die meisten Frauen, die heute die Pille nehmen, bevorzugen die sogenannten ‚leichten’ Pillen. Leichte Pillen werden sie deswegen genannt, weil sie im Unterschied zu den früheren Pillen – die aufgrund ihres hohen Östrogengehaltes oftmals zu lebensgefährlichen oder gar tödlichen Nebenwirkungen führten – einen verringerten Anteil an Östrogen aufweisen. Diese Reduktion führt jedoch ihrerseits dazu, dass die erste Wirkung der Pille, ihre Verhinderung des Eisprunges (die ovulationshemmende Wirkung), drastisch abnimmt. Kam es bei den früheren Pillen bereits zu „Pillenversagern“, nämlich zu Durchbruchsovulationen, so erwähnt das vom Pharmakonzern Roche herausgegebene Lexikon Medizin zum Stichwort „Minipille“: Die „Minipille (…) verhindert den Eisprung nicht, ist also kein Ovulationshemmer i.e.S.“[6] Selbst einkalkuliert, dass nicht jedes reife Ei befruchtet wird, so bleibt dennoch ein großer Prozentsatz übrig, der faktisch befruchtet wird, d.h. ein Kind entsteht, dieses ungeborne Kind wird dann jedoch durch die zweite und/oder dritte Wirkungsweise der Pille getötet. Es findet eine Frühabtreibung statt. Darum kann zurecht die Pille als frühabtreibendes Mittel klassifiziert werden. „In den USA wird die frühabtreibende Wirkung oraler Kontrazeptiva“, wie Rudolf Ehmann, Chefarzt der Gynäkologie/Geburtshilfe, bemerkt, „mittlerweile auch von Abtreibungsbefürwortern zugestanden.“[7] Aber dieses Wissen wird der breiten Öffentlichkeit, zumal den Frauen als Pillenkonsumentinnen, weiterhin vorenthalten oder mit nebulösen Sprachfloskeln verharmlost. Ehmann stellt fest: „Es ist immer wieder versucht worden, den frühabtreibenden Effekt der Pille zu verheimlichen – wohl wissend, daß eine frühe und breite Bekanntgabe dieser Tatsache viele Frauen vom Gebrauch der Pille abgehalten hätte.“[8] Pioch kommt in seinem Beitrag „Statistische Berechnung zum nidationshemmenden Effekt bei Ovulationshemmern“ bei der Einnahme der ‚normalen’ Pille auf die horrende Zahl von „etwa 60.000 Frühabtreibungen pro Jahr für die BRD.“ Unter der Minipille dagegen sei die Zahl der Frühabtreibungen, da besagte Pille überhaupt keine ovulationshemmende Wirkung habe, 13 mal so groß.[9]

Unter dieser Beleuchtung stürzt der Slogan „Lieber verhüten als abtreiben“ wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die implizite Gleichung „Wer verhütet, treibt nicht ab“ ist erwiesenermaßen falsch. Eine Frau, die die Pille nimmt, schwanger wird und nach vierzehn Tagen das Kind verliert, weil der Embryo aufgrund der Pilleneinnahme keine Chance hatte, sich in der Gebärmutter einzunisten, hat eine Frühabtreibung hinter sich. Dies ist die korrekte Bezeichnung für einen korrekten erschreckenden Befund: Frühabtreibung.

Abtreibungsbefürworter und sogenannte Familienplaner wissen dies seit langem. Darum ist ihnen daran gelegen, die Empfängnis, d.h. den Beginn jedes menschlichen Lebens, neu zu fixieren. Seit jeher wurde die Empfängnis definiert als der Zeitpunkt der Vereinigung von Ei und Samenzelle. Schiebt man diesen Zeitpunkt jedoch weiter nach hinten, dekretiert man, dass der Mensch erst mit der Einnistung des Embryos in die Gebärmutterschleimhaut beginnt, dann ist eine weitere Schlacht gegen die Kultur des Lebens gewonnen. Denn dann sind „die ersten Tage nach der Befruchtung schutzlos“[10], von Frühabtreibung könnte keine Rede mehr sein, der verbrauchenden Embryonenforschung wären darüber hinaus Tür und Tor geöffnet. Als Frucht dieser gegen das Leben gerichteten Mentalität veröffentlichte ein amerikanisches medizinisches Journal schon 1965 folgende Neudefinition: „Empfängnis (Konzeption) ist die Einnistung einer befruchteten Eizelle.“[11]

Die Methode der Macher ist, wie man sieht, die immer gleiche: verdrehen, das Entstellte sprachlich aufpolieren, die Lüge drapieren. Die Frau schluckt im wahren Wortsinn die bittere Pille.[12] Und die Bevölkerungskontrolleure können zufrieden sein, denn sie werden vermutlich zweimal verdienen: am Pillengeschäft und am Abtreibungsgeschäft. „Wieso das?“, werden die Pillenverkäufer empört protestieren, „Abtreibung ist ein grausames Geschäft, das wollen wir um jeden Preis verhindern, darum plädieren wir für die Pillen. Schließlich wird desto weniger abgetrieben, je mehr verhütet wird.“

Schauen wir auch da genauer hin.

Die Wirklichkeit jedenfalls sieht haargenau umgekehrt aus: Je mehr verhütet wird, desto mehr wird abgetrieben. Ein Beispiel unter vielen anderen: „England, das zu den Ländern mit der höchsten Pillen-Akzeptanz gehört: Dort nimmt fast jede zweite Frau (43%) die Pille! Könnte die Benutzung von Verhütungsmitteln tatsächlich beitragen zu einer Verminderung der Abtreibungszahlen, dann müsste sich dies auch in einer entsprechenden Abtreibungsquote in England zeigen. Das ist aber keineswegs der Fall; vielmehr zeigen die Zahlen das genaue Gegenteil: Entsprechend den von der britischen Regierung 1988 vorgelegten offiziellen Zahlen erreichte die Quote der Abtreibungen in England und Wales einen neuen Höchststand: Danach stieg die Zahl der Abtreibungen von 1969 bis 1988 von 7% auf 20% - das ist eine Steigerung von fast 300%! Bei Teenagern stieg die Zahl sogar von 9% auf 36%, hat sich also vervierfacht.“[13]

Dessen ungeachtet heißt es aus dem Munde des Vorsitzenden der europäischen Abtreiber: „Maßnahmen zur Vorbeugung von ungewollten Schwangerschaften sind in Österreich selten und nicht flächendeckend, obwohl gerade dies in anderen Ländern zu einem deutlichen Rückgang von Abbrüchen geführt hat.“[14]

Im Grunde ist die Verzahnung von Verhütung und Abtreibung nur logisch. Verhüten heißt: ich will kein Kind. Kommt es trotz Verhütung dennoch zur „Panne“ der Schwangerschaft, so heißt dies nicht, dass man jetzt das Kind will. In vielen Fällen wird es umgekehrt sein. Die Verhütungspraxis führt zu einer psychologischen Haltung, die a priori das Kind, das nicht zum gewollten Zeitpunkt entsteht, ablehnt. Der Schritt von der verfestigten Sperre gegenüber dem unerwünschten Kind hin zur manifesten Ausschaltung des Kindes in der Abtreibung ist kleiner als man denkt, erst recht, wenn das gesellschaftliche Umfeld die Abtreibung als legal apostrophiert. Abtreibung wird damit in vielen Fällen zu einer Art letzten Rückversicherung beim Versagen der Verhütung.[15]

Die Antreiber der Abtreibung wissen um diese Zusammenhänge. Es wäre ja auch kurios, wenn es anders wäre. Warum sollte etwa ein Abtreiber seinen Klientinnen die Pille empfehlen, wenn eben die Pilleneinnahme ihn arbeitslos machen würde? Dr. Christian Fiala, Inhaber der Abtreibungsstätte am Wiener Westbahnhof und Wochendabtreiber in Salzburg, präsentiert Ende 2005 seine „erfolgreiche“ Sechs-Monate-Bilanz im Landeskrankenhaus Salzburg: 368 getötete Kinder von April bis Mitte September 2005. Ende Oktober sind es bereits 382 getötete Kinder. Und selbstverständlich unterlässt es Abtreiber Fiala nicht, vehement darauf hinzuweisen, dass es mit der Verhütung hapere, denn jedes zweite Paar, laut dem Evaluationsbericht, habe nicht verhütet (46 Prozent). Darum müsse, um „vieles von vornherein zu verhindern“, noch mehr und noch effizienter verhütet werden. Unterschlagen wird dabei, dass die restlichen 54 Prozent offensichtlich verhütet und abgetrieben haben. Wie das, wo doch Verhütung angeblich die sichere Methode gegen „unerwünschte“ Kinder ist?

In jedem anderen Geschäftsbereich würde man die Verzerrung des Faktischen, die hier praktiziert wird, als billigen Trick abtun und damit quittieren, dass man sich nicht länger für dumm verkaufen lässt. Aber nicht in der Abtreibungsfrage. Hier ist die klare Sicht der Fakten derart vernebelt und das Thema Abtreibung und Verhütung dermaßen tabuisiert, dass die billigsten Verkauftricks die Kassen klingeln lassen. Wen wundert es da noch, dass dieselben Vertreter, die so lauthals die Verhütung propagieren, vorzugsweise mit dem altruistischen Mäntelchen „lieber verhüten als abtreiben“, dieselben sind, die abtreiben und lauthals Abtreibung propagieren. Aus Abtreibungszentren in den USA weiß man, dass jungen Mädchen ganz gezielt tiefdosierte, also „unsicherere“ Pillen verabreicht wurden, da man auf das Eintreten einer unerwünschten Schwangerschaft spekulierte und damit auf ein Folgegeschäft für die Abtreiber.[16]

„Wäre es mit der Verhütung ernst gemeint gewesen“, so resümiert Ehmann, „hätte die Abtreibung nicht gleichzeitig massiv propagiert werden dürfen – sie hätte vielmehr massiv bekämpft werden müssen.“[17] Und das Faktum, dass die Marketingstrategen der Verhütung und die Abtreibungsverkäufer meistens identisch sind oder aus derselben Lobby der Familienplaner sich rekrutieren, müsste, wenn es mit rechten Dingen zuginge, dem naiven wie dem angeblich aufgeklärtem Zeitgenossen Augen und Ohren öffnen. Aber in der Abtreibungsdebatte herrscht nicht der nüchterne Verstand, sondern die schizophrene Gleitsichtbrille. Ärzte ließen sich von dem Dauerslogan der Verhütungsdemagogen blenden. Frauen gingen in die Falle und schluckten die Pillen samt stapelweisen Nebenwirkungen. Und die Moraltheologen begannen zu postulieren, verhüten sei das ‚kleinere Übel’. War die Verhütung letztlich nicht sogar moralisch legitimiert, da sie der Abtreibung den Garaus machte?

Man muss kein Sokrates sein, um das Hinkende dieser Konstrukte zu durchschauen. Naturgemäß ist Verhütung (wenn sie keine Frühabtreibung ist) gegenüber der Abtreibung das geringere Übel und ist folglich moralisch anders zu bewerten als diese. Aber abgesehen davon, dass auch dieses kleinere Übel kein Gegenstand von Propaganda zu sein hat („Man kann Bankraub ja auch nicht dadurch bekämpfen wollen, dass man Kurse für Taschendiebe einrichtet“[18]), selbst abgesehen von dem existentiellen Moment, daß die Verhütung den einheitsstiftenden Akt der Liebe korrumpiert, indem sie das genuin weibliche Kennzeichen der Fruchtbarkeit negiert („Ich liebe dich teilweise. Denn deine Weiblichkeit stört mich, insofern du schwanger werden könntest“[19]), dürfte unschwer nachzuvollziehen sein, was zum Einmaleins der Verhütung gehört: „An sich ist Verhütung zwar wirklich das viel kleinere Übel. Weil aber die Propaganda für Verhütung zu einem Mehr an Promiskuität führt und zugleich die Mentalität des Bestimmen-Könnens ohne Verzicht fördert, führt sie ‚unter dem Strich’ eben doch zu einem Mehr an Abtreibungen. Diese aber können offensichtlich nicht als ‚minus malum’ bezeichnet werden.“[20]

Bleibt die Suggestion, dass derjenige, der verhütet, pro life sei. Aus dem bisher Dargelegten, dürfte klar geworden sein, dass diese Unterstellung eine Unterstellung ist. Bleibt ein Letztes: die Alternative zwischen verhüten und abtreiben, so als habe der Mensch zwischen diesen beiden Optionen unweigerlich zu wählen. Auch diese klammheimliche Annahme ist Produkt ideologischer Programme und Phantasien. Sexualität mag zugestandermaßen ein wesentliches Kapitel jeder Biographie sein, gleichwohl ist der Mensch kein „Tier in Dauerbrunft.“[21] Auch wenn die Meinungsmacher es nicht wahr haben wollen, so gibt es sie dennoch: Die Keuschheit, das Maß, die Enthaltsamkeit, der Wille zu einem geordneten, nicht verhüteten Leben. Familien, die sich dem Druck der sexualisierten Publicity nicht gebeugt haben, Ehepaare, die keine Pillennebenwirkungen kennen, ganz einfach deswegen nicht, weil sie die Pille nicht nehmen. Kinder, die zu jeder Zeit willkommen sind. Brave new world: es gibt sie, aber anders, als die Geschäftemacher sie planen.

An den neuen Familien, den Familien mit nicht-verhüteten Kindern., sind die verführerischen Parolen der Bevölkerungskontrolleure und Familienplaner offensichtlich spurlos vorübergegangen. Und das will was heißen. Denn der Beschuß mit allgegenwärtigen Propagandamaßnahmen hat despotische Ausmaße angenommen. Eines der neueren Beispiele: Zum Valentinstag 2006 startet eine amerikanische Firma eine gigantische einwöchige, landesweite Kondom-Verteilaktion. Daß das nötige Kapital zur Umsetzung des großangelegten Werbefeldzuges vorhanden ist, versteht sich von selbst, und dass die kostenlose Kampagne knallharte Geschäftsinteressen verfolgt, ist gleichfalls Usus. P. Thomas Euteneuer, Präsident der internationalen Lebensrechtsorganisation Human Life International, kommentierte den Werbefeldzug bezeichnenderweise mit den Worten, dass die Kondomindustrie mit der Abtreibungsindustrie unter einer Decke stecke, die „nationale Kondomwoche (sei) ein schamloser Marketing-Trick, der von der Abtreibungsindustrie beworben wird, die es auch auf Schüler der High School und auf Studenten abgesehen hat.“[22]

Etliche Politiker sind längst den Drahtziehern der permissiven Familienplanung auf den Leim gegangen. Statt konsequent ein Klima zu schaffen, das dem Leben in all seinen Dimensionen dienlich ist, operieren sie „gerade in die entgegengesetzte Richtung“, wie die Ärztin Alexandra Schwarz moniert. „Sie fordern sehr vehement die Gratispille für Jugendliche! Statt diesen jungen Menschen in einer wichtigen Phase ihrer Persönlichkeitsentwicklung die Augen für wahre menschliche Liebe zu öffnen, teilen wir wortlos Verhütungsmittel an sie aus - das eigentliche Problem ignorierend.[23] Und die Konditionierer reiben sich die Hände.

 


[1] „Abtreibung ist Mord, wie er brutaler nicht sein kann“, so Nathanson, der es als ehemaliger Massenabtreiber in New York wissen muß. Zit. n.: Michael Laimer, Laßt sie leben… die Ungeborenen! Ein Wort zur Fristenlösung und Abtreibung, Innsbruck, 4. neu bearb. Aufl. 1987.

[2] Francois Geinoz, Verhütung der menschlichen Zukunft? Überlegungen zur Gefahr einer Bevölkerungsimplosion, in: R. Süßmuth (Hrsg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000, 720.

[3] Zit.n. Michael Laimer, Die Pille – das Ei des Kolumbus zur Empfängnisregelung ? Leichte Lösung einer schwierigen Frage?, Innsbruck 81988, 153. Dort in Faksimile der Wortlaut des Briefes der Schering Wien Ges.m.b.H. – S. a. Rudolf Ehmann, Ist die „Pille“ wirklich nur ein Verhütungsmittel? In: Medizin und Ideologie, 4/2006 (28. Jg.), 7 (http://www.aerzteaktion.eu/, Link Archiv).

[4] Inwiefern die Eindickung des Zervixschleimes und die damit einhergehende eventuelle Behinderung der Spermienaszension zu den hauptsächlichen Wirkweisen der Pille gehört, wird hier außer Acht gelassen, weil dieser Faktor durchaus kontrovers diskutiert wird. S. Rudolf Ehmann, Die abortive Kontrazeption, in: R. Süßmuth (Hrsg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000, 83f.

[5] Ehmann, Kontrazeption, 95.

[6] Roche Lexikon Medizin, München/Jena 52003, 1229.

[7] Ehmann, Kontrazeption, 102. „Interessant ist auch“, so Ehmann, ebd., 93, „dass in den USA auf dem Kongreß der ‚National Abortion Federation’ (NAF) 1985 anläßlich der Diskussion um die Familienplanung folgendes Votum gefallen ist: ‚Make no mistake, the pill and IUD [= Intrauterine-Device=Spirale] are abortive’.“

[8] Ehmann, Kontrazeption, 103.

[9] Peter Pioch, Statistische Berechnungen zum nidationshemmenden Effekt bei Ovulationshemmern, in: R. Süßmuth (Hrsg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000, 351.

[10] Ehmann, Kontrazeption, 100.

[11] Ebd..

[12] Über die Auswirkungen der Pille und anderer Verhütungsmittel auf die nicht nur körperliche, sondern gerade auch seelische Gesundheit der Frauen – ein Thema, das nahezu gänzlich unter Verschluß ist – s. Burke et al., Contraception, o.O., o.J.

[13] Ehmann, Kontrazeption, 70. – Zu dem ungeschönten Befund, daß die Verhütungsmentalität die Abtreibungszahlen nicht nur nicht reduziert, sondern in die Höhe getrieben hat, s.a. das einschlägige statistische Material bei Andrej Hradocky /Karol Pastor, Empfängnisverhütung – eine Alternative zur Abtreibung?, in: R. Süßmuth (Hrsg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000,, 649-677. Desgleichen Pierre Chaunu, Die verhütete Zukunft, Stuttgart 1981.

[14] S. Homepage von ISIS, Salzburg.

[15] „Von Kalifornien wissen wir, daß 40% der 300.000 – 500.000 Abtreibungen pro Jahr durch Kontrazeptionsversager bedingt sind.“ S. Ehmann, Kontrazeption, 68. Ähnlich Brian Clowes, Die Tatsachen des Lebens, HLI-Österreich, Wien 22002, 23: „Frauen treiben wegen Verhütungsversagen ab (das ist ein besonders wichtiger Punkt, weil erstaunliche 58 Prozent aller Frauen, die in den USA abtreiben, zur Zeit der Empfängnis ein Verhütungsmittel verwendeten).“ – Damit ist nicht ausgesagt, daß alle diejenigen, die zur Kontrazeption greifen, im Falle der ‚ungeplanten’ Schwangerschaft die Abtreibung wählen würden. Worauf wir hinweisen, ist ein gesellschaftliches Gefälle, das beunruhigend genug ist.

[16] S. Rudolf Ehmann, Das „Nein“ zur Fruchtbarkeit – Ursachen und Folgen der Verhütungsmentalität, in: Medizin und Ideologie 1/2006 (28. Jg.), 4-13, hier 7.

[17] Ehmann, Kontrazeption, 67.

[18] Andreas Laun, Verhüten statt abtreiben? Eine aktuelle Frage der Zeit, in: R. Süßmuth (Hrsg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000, 622.

[19] Andreas Laun, „Humanae Vitae“ – Orientierung für das christliche Leben, in: ders., Aktuelle Probleme der Moraltheologie, Wien 1991, 93.

[20] Andreas Laun, Das Kind. Zur Abtreibung in Österreich heute, Wien 1991, 40.

[21] Laun, Verhüten, 623.

[22] Thomas Eutener, Geben wir den Valentinstag den Heiligen zurück!, in: http://www.kath.net/ v. 16. Feb. 2006.

[23] Alexandra Schwarz, Anti-Lebensmentalität und Abtreibung, in: R. Süßmuth (Hrsg.), Empfängnisverhütung. Fakten, Hintergründe, Zusammenhänge, Holzgerlingen 2000, 328.