Eine wahre Geschichte
geiger.jpg (hli.at) 14.02.2008 – Es ist ein kalter Dezembermorgen, in einer Metrostation in Washington DC. Ein Gewimmel von Frauen, Männern, Kindern. Leute hetzen zur Arbeit. Und da steht ein Mann und spielt Geige. Die Musik: Solostücke von Bach.

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Nach drei Minuten bleibt ein Mann in den mittleren Jahren kurz stehen und hört auf die Violinklänge in der Metrostation. Dann muß er weiter. Eine Minute später wirft eine Frau ein Trinkgeld in die Geldbüchse, aber ohne stehenzubleiben. Nach ein paar Minuten lehnt sich ein Mann an die Wand der U-Bahn-Station und hört eine kurze Weile zu. Aber ein Blick auf die Uhr zeigt ihm, daß es Zeit ist, weiter zu gehen. Am meisten Aufmerksamkeit erhält der Violinist von einem Dreijährigen. Die Mutter des Jungen ist offensichtlich in Eile und drängt das Kind zum Weitergehen; aber der Junge will lauschen, und als er schließlich, von der Mutter genötigt, weitergehen muß, dreht er seinen Kopf immer wieder nach dem Geiger um. Andere Kinder, die an dem Geigenspieler vorbeikommen, machen es ähnlich. Auch sie wollen zuhören, aber sie müssen weiter, gedrängt von den Erwachsenen, die in Eile sind.

 

Alles in allem haben, abgesehen von den Kindern, während der 45 Minuten, da der Geiger seine Bachsuiten spielt, nur sechs Personen kurz Halt gemacht und zugehört. Etwa zwanzig Vorübergehende warfen Geld in die Büchse, ohne stehenzubleiben. 32 Dollars beträgt der Gesamterlös. Als der Geiger schließlich aufhört, nimmt niemand davon Notiz. Es ist still, keine Violinklänge mehr. Kein Applaus.

 

 

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Der Geiger in der Metro ist Joshua Bell. Er gehört zu den Stars seiner Zunft. Die Bachsuiten gehören zu den herausragenden Werken der Violinliteratur; die Geige, auf der Bell spielte, hat einen geschätzten Wert von 3,5 Millionen Dollars. Noch zwei Tage zuvor gab Joshua Bell ein Konzert in Boston, das ausverkauft war. Die Eintrittskarte kostete im Durchschnitt um die 100 Dollars.  

 

Die Geschichte hat sich genau so zugetragen. Organisiert von der Washington Post, spielte der Weltstar Joshua Bell inkognito in einer Metrostation zur rush hour. Es war ein soziales Experiment: Über unsere Wahrnehmung, unseren Geschmack, unsere Vorlieben. Die Vorgaben: Ein öffentlicher Platz, eine ungewöhnliche Zeit. Die Fragen: Nehmen wir Schönheit wahr? Halten wir inne, weil wir das Schöne schätzen? Erkennen wir das Talent, auch dann, wenn es sich im Unerwarteten ereignet?

 

Was, so fragen Sie sich vielleicht, hat dies mit dem Leben und dem Lebensschutz zu tun?

Ja, das ist allerdings eine weitere Antwort wert.