„Kinder schlagen keine Wunden.“
christmas_time.jpg (hli.at) An Mariä Lichtmeß 1945 wurde der Jesuitenpater Alfred Delp hingerichtet. Im Gefängnis, wenn er heimlich seine Hände aus den schmerzenden Fesseln befreien konnte, schrieb er letzte Gedanken auf – auch Gedanken zur Weihnacht.

HLI Österreich wünscht allen Freunden des Lebens mit den folgenden Auszügen aus Pater Delps Besinnungen aus der Gefängniszelle Gesegnete Weihnachten 2008.


„Den meisten Mißverständnissen ist das Gottesbild der weihnachtlichen Zeit ausgeliefert. Der Mensch bleibt auch da an der Erscheinung hängen und spürt so oft gar nichts von der bedrängenden Erregung und eigentlich erschreckenden Unfaßlichkeit, die uns in der Kindgeburt Gottes anrühren. Gewiß ist dies alles eine große Tröstung des Menschengeschlechtes und des einzelnen Menschen. Und der Mensch hat seither mehr Recht, mit Vertrauen zum Thron der Gnade zu gehen und zu flehen. Gott steht auf unserer Seite.

Das heißt aber nicht, daß Gott sich selbst abgesetzt hätte. Sowenig wie es vorhin hieß, daß das Schicksal des Menschen nun die lächelnde Wiese und der Blumenpfad wäre.

Diese Tilgung der göttlichen Züge aus dem Antlitz des Kindes wie später des Mannes Jesus, die Auflösung und Erweichung in die Idylle weihnachtsfroher Kindergeschichten und später die Verflüchtigung des ganzen Christus in den Biedermann des guten Beispiels und der frommen Ermahnung: das sind sehr ernst zu nehmende Mitursachen der Ohnmächtigkeit, die heute die Gottesidee im abendländischen Raum in Fesseln geschlagen hat.

Es war und ist schon Gott, der Mensch geworden ist. Gott, der auch als Mensch dem Menschen gegenüber der Herr aller Kreatur und Kreatürlichkeit bleibt. Vor dem der Mensch in Ehrfurcht und Anbetung zu sich selbst kommen soll, weil er so von sich weg vor die letzte Wirklichkeit gerät. Nur dort kann der Mensch geraten.

(…)

Ach, das Kind richtet ja jetzt schon die Welt. Wie viele der Typen, die der Mensch heute vorstellt, können ehrlich vor der Krippe erscheinen? Die meisten wollen ja gar nicht. Hoch zu Roß läßt die schmale und spärliche Tür niemand ein. Die einfachen gesunden Hirten, die finden den Weg. Die königlichen Weisen, die ruft der Stern. Aber die Anmaßung in Jerusalem erschrickt vor diesem Kind. Wieviel von dem, was wir heute leben, kann vor diesem Kinde nicht bestehen! Und wie wäre das eigene und das allgemeine Leben anders, wenn wir daran dächten, daß dem Leben seine größte Stunde schlug, als Gott ein Mensch, ein Kind wurde. Wir würden nicht so fordernd und gewalttätig und gierig zueinander kommen und voreinander stehen. Kinder schlagen keine Wunden (…)“