Die Kraft, die vom Himmel kommt
lourdes.jpg(hli.at - 17.11.08) Vom 28. Oktober 2008 - 3. November 2008 fand heuer der 3. Internationale Welt-Gebets-Kongreß für das Leben in Lourdes statt. Organisiert von Human Life International, der Europäischen Ärzteaktion und anderen internationalen Lebensschutz- und Gebetsinitiativen, kamen renommierte Experten zusammen, um zum Thema "Heilung der Abtreibungswunden" zu referieren sowie zum 40jährigen Jubiläum von Humanae vitae. -  Ein Bericht der Tagespost.
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Die Kraft, die vom Himmel kommt

 

Zum 3. Internationalen Welt-Gebets-Kongreß für das Leben

in Lourdes, 28. Okt. – 3. Nov. 2008

 

von Manfred M. Müller

 

 

 

Was sollen Beter gegen die Kultur des Todes ausrichten? Schaut man alleine auf die gigantischen finanziellen Mittel, die den Apologeten des Todes – heißen sie nun International Planned Parenthood Federation (das größte internationale Abtreibungsnetzwerk mit seinem deutschen Ableger Pro familia) oder Marie Stopes International (ein weiteres internationales Abtreibungsnetzwerk, das zum Beispiel die berüchtigte Abtreibungsadresse in Wien subventioniert) – zur Verfügung stehen, so könnte man gleich resignieren. Von der medialen Macht, die permanent Werbung für die tödliche Trias Abtreibung, Verhütung, Sterilisation (und neuerdings auch Euthanasie) macht, ganz zu schweigen. Warum nicht gleich kapitulieren und sagen: Das war’s?

 

Nun ist Resignation nicht der Weg der Kirche. Papst Johannes Paul II., der in seinem Pontifikat nicht müde wurde, den Kampf zwischen der Kultur des Lebens und der Kultur des Todes als die tatsächliche Herausforderung der Jetztzeit zu benennen, hat in seiner Enzyklika Evangelium vitae zugleich den Schlüssel gegeben, um diesen Kampf siegreich zu bestehen. Vielleicht gehört es zu den tragischen Versäumnissen der Christenheit, daß dieser Schlüssel bis dato zu wenig Beachtung fand. Dies mag daran liegen, daß wir, wenn wir von Sieg hören, sogleich an die obligaten Requisiten von Siegesfeiern denken: An Fanfaren und Pokale und Tamtam. Aber der Sieg, von dem Johannes Paul II. in seiner Enzyklika spricht, ist nicht der Sieg der Welt, sondern der Sieg der „Kraft, die vom Himmel kommt“. Im Nr. 100 von Evangelium vitae konstatiert Johannes Paul II., daß „es dringend eines großangelegten Gebetes für das Leben bedarf“, und ruft eine jede Gemeinde und einen jeden Gläubigen dazu auf, betend und fastend für das Leben einzustehen. Warum dieser leidenschaftliche Gebetsappell des Papstes? Seine Antwort: „(…) um zu erreichen, daß die Kraft, die vom Himmel kommt, die Mauern aus Lüge und Betrug zum Einsturz bringt, die die perverse Natur lebensfeindlicher Verhaltensweisen und Gesetze vor den Blicken vieler unserer Brüder und Schwestern verbergen, und ihre Herzen für die Vorschläge und Absichten öffnet, die sich an der Zivilisation  des Lebens und der Liebe inspirieren.“

 

Johannes Paul II. steht gewiß nicht im Verdacht, mit diesem Aufruf zu einem letzthin doch quietistischen Verhalten anzuleiten nach dem Motto: Da politische oder andere Mittel im Kampf versagen, ziehen wir uns in die Privatkammer des Gebets zurück. Ganz im Gegenteil. Johannes Paul II. ruft uns die Mitte und Sprengkraft der christlichen Existenz noch einmal leidenschaftlich in Erinnerung. Christen beten. Christen fasten. Und sie beten und fasten für die Welt. Denn die Welt steht unter dem Einfluß der „Kräfte des Bösen“ und „manche Dämonen“ lassen sich nur durch Gebet und Fasten austreiben (EV 100).

 

Wer dem Aufruf des Papstes wirklich zuhört, der sieht klar. Der Kampf gegen die tödlichen Auswirkungen der Kultur des Todes ist wortwörtlich einer auf Leben und Tod. Der Christ hat sich in steter Wachsamkeit vor Augen zu halten, daß die Mittel der Kultur des Todes, da sie im letzten dämonischer Natur sind, die altbekannten des Widersachers sind: Lüge und Betrug. Vermessen wäre es nun, den widersacherischen Aktivitäten mit bloßen weltlichen Maßnahmen entgegenzutreten. Eben weil der Kampf letztlich ein geistiger ist, müssen die lebensrettenden geistigen Mittel angewandt werden. Diese bewirken den Einsturz des lügnerischen Kartenhauses, diese entlarven das Konstrukt der Verblendung. Aber der so errungene Sieg ist ein erkämpfter. Wie könnte es auch anders sein. Da der Christ sich zu Christus bekennt, weiß er um das Kreuz und weiß in eins, daß das Kreuz das Siegeszeichen ist. Wohlgemerkt: Das Kreuz. Wir wollen meist die Abkürzung, den leichten Kampf, den leichten Sieg. Aber das Kreuz bleibt das Kreuz. Der Kampf ist ein Kampf. Gesetzesinitiativen, Aufklärungsarbeit, Lobbying – all dies und vieles mehr ist notwendig für die Errichtung der Kultur des Lebens. Doch alle Initiativen sollen in conspectu Dei, im Angesicht Gottes verankert sein. Denn der Sieg ist zu guter Letzt ein inständig erbeteter, was nichts anderes heißt als: Gott siegt, weil Er der Sieger ist, und wir sind bereit, uns zu seinen Mit-Siegern formen zu lassen.

 

Genau damit sind wir am Ursprung der Internationalen Welt-Gebets-Kongresse für das Leben. Nach Fatima 2006 und Krakau 2007 fand der diesjährige Kongreß in Lourdes statt. Veranstaltet von Human Life International, der Europäischen Ärzteaktion, dem Fatima-Welt-Apostolat, den Helpers of God’s Precious Infants, der Stiftung Ja zum Leben International, der World Prayer Initiative und anderen überregionalen Organisationen, ist die Intention der Kongresse exakt die, den Appell von Johannes Paul II. ernst zu nehmen, zu verbreiten und in die Tat umzusetzen. Sämtliche Kongresse haben die Gebetsmaxime aus Evangelium vitae 100 als Leitlinie. Zur Eigenart der Kongresse gehört daher, daß sie zwar Vorträge und Workshops beinhalten, diese aber zugleich integrieren in das Gebetsprogramm der jeweiligen Wallfahrtsstätte, so daß Aktion und Kontemplation, Referat und Gebet, Austausch und Besinnung zur Wahrnehmung und Vertiefung der geistlichen Sicht des Kampfes im Lebensschutz führen.

 

Da sich der Kongreß heuer – neben der Erinnerung an das 40jährige Jubiläum von Humanae vitae – vor allem dem Thema der Heilung der Abtreibungswunden widmete, bot sich Lourdes als Kongreßort förmlich an. Denn hier, wo vor 150 Jahren die Gottesmutter der Seherin Bernadette erschien und sich als die Unbefleckte Empfängnis vorstellte, ist ein Ort der Gnade und Heilung entstanden, der für sich spricht. Bischof Jacques Perrier von Lourdes vertiefte in seinem Eröffnungsvortrag über die Botschaft von Lourdes die symbolischen Verweise des Gnadenortes und zeigte unter anderem in Anlehnung an Papst Benedikt XVI., wie sehr das Kreuz und das Kreuzzeichen die Lourdesbotschaft zusammenfassen.

 

Abtreibung, so machten anschließend die internationalen Referenten deutlich,  hat gravierende Folgen, sei es mental, psychisch und/oder physisch. Vicky Thorn, Gründerin von Project Rachel in den USA, eines 1984 eingerichteten diözesanen Heilungsdienstes, in dem Seelsorger gemeinsam mit professionellen Beratern Abtreibungsopfern Heilung vermitteln, machte in ihrem Vortrag klar, daß das Leiden an den Abtreibungsfolgen universal ist, was sich auch daran zeigt, daß Thorn selbst jede Woche aus unterschiedlichsten Weltregionen Einladungen erhält, um über PAS (Post Abortion Syndrom) und die Heilungsmöglichkeiten von PAS zu referieren. Das Thema ist im wahren Wortsinn eine Zeitbombe, die überall hochgeht. Die Kirche hat, so Thorn, von Anfang an Project Rachel unterstützt, ja im Grunde erst ermöglicht. An der prophetischen Aufgabe der Kirche gerade im Heilungsdienst an postabortiven Frauen und Männern ließ Thorn keinen Zweifel. Prophetisch ist es einerseits, daß die Bischöfe und Priester die Heiligkeit des menschlichen Lebens verteidigen, prophetisch ist es aber auch, daß die Kirche den durch Abtreibung Verletzten nachgeht und ihnen pastoral wie sakramental die Heilung schenkt, deren sie am meisten bedürfen. Die Neuevangelisierung, von der so viel geredet wird – hier, in der Heilung der Abtreibungsopfer, findet sie ein riesiges Feld, das nur darauf wartet, bestellt zu werden. Project Rachel ist, so Thorn, ein „powerful evangelizer“. Nach Thorns Erfahrungen suchen die meisten Frauen nach Abtreibung an erster Stelle keinen Therapeuten, sondern einen Priester. Project Rachel versteht sich daher zuallererst als ein sakramentaler Heilungsdienst. Das diözesane Projekt ist derart erfolgreich, daß es mittlerweile in über 165 Diözesen der Vereinigten Staaten etabliert ist.

 

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Bischof Jacques Perrier v. Lourdes  /  Vicky Thorn, Gründerin Projekt RACHEL  /  Dr. Marie Peeters-Ney

 

Dr. Marie Peeters-Ney, ehemalige Mitarbeiterin des weltberühmten Genetikers Jérôme Lejeune, hat mit ihrem Mann, dem Kinderpsychiater Prof. Dr. Philip G. Ney, seit Jahren die Zusammenhänge von Abtreibung und Kindesmißbrauch sowie das Phänomen der Abtreibungsüberlebenden (PASS – Post Abortion Survivor Syndrom) untersucht. Gemeint sind mit letzteren vor allem die Kinder, welche in eine Familie hineingeboren werden, in der eine Abtreibung stattgefunden hat oder in Erwägung gezogen wurde. Die Traumata dieser Kinder sind immens. Vergleichbar untersuchten Fällen von Holocaustüberlebenden leiden Abtreibungsüberlebende oftmals an existentiellen Schuldgefühlen, die verheerend sind. Symptome der Autoaggression, ferner Drogenabusus, Risikoverhalten (Flirten mit dem Tod), Angstreaktionen, Mißtrauen gegenüber Autoritäten und spätere pathologische Bindungsmuster sind in der Forschung gut dokumentiert. Harry Potter, so kann Marie Peeters-Ney schlüssig nachweisen, ist in seinem Profil der klassische Abtreibungsüberlebende, und eben diese Konstellation wirft ein neues Licht auf die Pottermania. Darüber hinaus steht für das Ehepaar Ney fest, daß genau so, wie ökologische Systeme ausbalanciert sein müssen, um gesund zu sein, eine Gesellschaft in toto dem Abgrund zusteuert, in der Abtreibungsüberlebende gleichsam legal produziert werden. Heilung der Abtreibungsopfer ist keine Option unter anderen, sondern das Gebot der Stunde.

 

Anne Lastman, australische PAS-Expertin und Buchautorin (Redeeming grief, 2007), begleitet seit 14 Jahren Frauen und Männer, die an den Folgen der Abtreibung leiden. In ihrem Heilungsdienst Victims of Abortion kommt sie zu der Erkenntnis: Frauen, die mehrere Abtreibungen hinter sich haben, zeigen in  ihrer Anamnese ausnahmslos sexuellen Mißbrauch, oft des Typus’ Inzest. Die Abtreibungswunden verlangen, da sie die Person zutiefst verwüsten, einen intensiven Prozeß der Trauerarbeit. In diesem wird Schritt für Schritt wiederhergestellt, was die Abtreibung zerstörte: Hoffnung. Denn Abtreibung ist Abwesenheit von Hoffnung, Heilung dagegen exakt Aufleben des Horizontes der Hoffnung. Auch für Lastman ist zweierlei unhinterfragt: die Heilung der tiefen menschlichen und spirituellen Verwundungen nach Abtreibung(en) ist dringlicher denn je, und die Kirche ist diejenige Instanz, die sämtliche Schätze der Heilung bereithält.

 

Die deutsche Ärztin Angelika Pokropp-Hippen ergänzte aus ihrer Arbeit als Traumatherapeutin die Befunde. An Fallbeispielen aus ihrer Praxis zeigte sie anhand von Zeichnungen, die postabortive Frauen angefertigt haben, wie sich die Verwüstungen der Abtreibung seelisch manifestieren und wie Heilungskonzepte, die das Töten des Kindes nicht verdrängen, sondern zur Sprache bringen, schließlich Raum geben für die Versöhnung mit Gott, mit den Nächsten und mit sich selbst. Zeichnungen am Ende des therapeutischen Prozesses spiegeln sichtbar dieses Versöhnungsgeschehen wider.

 

Teilnehmer aus 27 Nationen nahmen am diesjährigen Kongreß für das Leben in Lourdes teil, auch darin zeigt sich die internationale Virulenz des Themas. Doch von Resignation keine Spur. Denn, wie ein Teilnehmer sagte: „Das Leben siegt immer.“

 

 

Die Kongreßvorträge können demnächst auf der Homepage heruntergeladen oder bestellt werden: http://www.lourdes-pro-life-congress-2008.com .

Der nächste Internationale Welt-Gebets-Kongreß für das Leben findet vom 8. – 12. Okt. 2009 in Wigratzbad/Dtl. statt.