40 Jahre HV - Teil II
hv_klein.jpg(hli.at) 22.07.2008. Am 25. Juli 1968, vor exakt 40 Jahren, erschien ein päpstliches Dokument, das es in sich hatte und weiterhin in  sich hat: Humanae vitae – Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen  Lebens. Die Pillenenzyklika“, wie das Lehrschreiben von Gegnern geschmäht wurde, ist nach 40 Jahren taufrisch wie eh und je, während  Protestschreiben gegen die Enzyklika längst Ladenhüter von vorgestern sind.
HLI Österreich und die Europäische Ärzteaktion geben zum Jubiläum einen Sammelband zu Humanae vitae heraus. Darin der Text der Enzyklika und Beiträge von WB Andreas Laun, Msgr. Philip J. Reilly, Prof. Janet E. Smith u.a. – Aus dem Vorwort, Teil II.
 

Humanae vitae - Der Glanz der Wahrheit (Teil II)

Die Ablehnung der Enzyklika mit Berufung auf das individuelle und autonome Gewissen zeitigte – dies läßt sich retrospektiv nüchtern feststellen – einen Dammbruch, der weitere Einstürze produzierte. Unter den Schlagworten von     Emanzipation und Mündigkeit fand zunehmend die Erosion des Glaubensgutes statt. Wahrheit und Freiheit rückten in die  Verfügbarkeit menschlichen Dafürhaltens.
 
hv_gross.jpgHatte Humanae vitae empfängnisverhütende künstliche Mittel, die den     sexuellen Akt gewaltsam unfruchtbar machen, verurteilt, und dies nicht aus kleinlicher Prüderie heraus, sondern um den göttlich gemeinten Glanz der menschlichen Liebe in ihrem personalen Doppelspiel von Vereinigung und Fruchtbarkeit zu verteidigen, so war es unter dem Ansturm fortschreitender ideologischer Verkürzungen des sexuellen Aktes nur mehr eine Frage der Zeit, daß das autonom sich dünkende Gewissen die Forderungen weiter schraubte, diesmal nach Freigabe der Abtreibung. Zwar ist Kontrazeption gegenüber der Abtreibung (vorausgesetzt die Kontrazeption ist keine Frühabtreibung) das geringere Übel, bedenkt man jedoch, wie Johannes Paul II. nicht müde wurde zu betonen, daß beide, Verhütung wie Abtreibung, Früchte desselben faulen Stammes sind, so enthüllt sich die Linie, die taktisch zwangsläufig von der Kontrazeption zur Abtreibung verläuft. Und nachdem Kontrazeption und Abtreibung gleichsam zu Standards des Zeitgeistes geworden waren, ging es Schlag auf Schlag weiter: In-vitro-Fertilisation (künstliche Befruchtung), Embryonenvernichtung in verbrauchender Embryonenforschung, Präimplantationsdiagnostik (PID) zur Selektion Behinderter, Euthanasie schließlich als Tötung am Lebensende.

Paul VI. hatte sich dem Lebensanfang zugewandt. Er wußte, daß dann, wenn der Anfang, die Weitergabe des Lebens zu Beginn, verfälscht und korrumpiert wird, der Verfall menschlicher Würde einsetzt. Denn der eheliche Akt ist auf Ganzhingabe angelegt, er ist liebende Vereinigung und zugleich Offenheit für das Geschenk des Lebens. Die Verletzung des Aktes durch den künstlichen Eingriff macht aus dem bedingungslosen Bekenntnis Ich liebe dich einen Akt der unmenschlichen Einschränkung: Ich liebe dich nur, wenn… Damit aber ist die Liebe in ihrer wahren, ureigentlichen Bedeutung getroffen. In anderen Worten: Die Eheleute verweigern, ein Fleisch zu werden.
Daß der Anspruch, den Humanae vitae in Erinnerung ruft und schützt, der denkbar höchste ist, stimmt. Aber dieser Anspruch ist kein äußerlicher, er ist vielmehr dem Menschen eingeschrieben. Der Mensch ist in seiner Würde als Ebenbild Gottes dazu berufen, Mitarbeiter Gottes zu sein. Die Eheleute sind dies in vorbildlicher Weise, denn ihnen ist geschenkt, schöpferisch an der Lebensquelle selbst mitwirken zu dürfen. Was hoher Anspruch ist, ist zur selben Zeit unfaßbares Geschenk. In den Herausforderungen des Alltags mag das Geschenk wie der Anspruch zuweilen verdunkelt sein. Diese Verdunkelung wird jedoch nicht hell dadurch, daß man sich resignativ ihr beugt. Humanae vitae zeigt das Doppelte, in der rechten Reihenfolge: das Geschenk und den Anspruch. Und Humanae vitae ermutigt in grenzenlosem Vertrauen zur Verwirklichung von beidem.

Vierzig Jahre sind seit dem Ersterscheinungsdatum der Enzyklika vergangen. Die Stimmen mehren sich heute, die Humanae vitae als prophetisch bezeichnen. Die Warnungen und Gefährdungen, die Paul VI. aussprach, sind in den vergangenen vier Jahrzehnten wahr geworden – nicht wegen Humanae vitae, sondern weil man Humanae vitae den Rücken kehrte. Es ist höchst an der Zeit umzukehren. Johannes Paul II. sprach im Jubiläumsjahr 2000 die großen Vergebungsbitten der Kirche aus. Was spricht dagegen, daß heute, vierzig Jahre nach einer auch innerkirchlichen Geschichte der Verdrängung und Verschwiegenheit, Bischöfe öffentlich ihre Stimme für Humanae vitae erheben und um Vergebung bitten für das lange, allzu lange Schweigen?

Wer die wenigen Seiten von Humanae vitae liest, erkennt unschwer, daß das Schreiben die  Zukunft eröffnet, die der Mensch heute mehr denn je braucht. Die Sackgassen, in die die Ablehnung der Enzyklika geführt hat, können in einer Zeit des demographischen Abwärts nicht länger geleugnet werden. Europa vergreist. Europa steht am Scheideweg. Wir haben die Wahl. Die Ursache ist bei Humanae vitae, so Johannes Paul II. Wir laden dazu ein, das vergessene Dokument neu zu entdecken und an der Hand der kirchlichen Lehrverkündigung zu staunen und dankbar zu sein: Über die Weisheit der Mutter Kirche, über den Felsen Petri in stürmischer Zeit, über die Schönheit der ehelichen Berufung wie über die Schönheit eines jeden menschlichen Lebens.