Das Jubiläum
hv_klein.jpg(hli.at) 22.07.2008. Am 25. Juli 1968, vor exakt 40 Jahren, erschien ein päpstliches Dokument, das es in sich hatte und weiterhin in  sich hat: Humanae vitae – Über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen  Lebens. Die „Pillenenzyklika“, wie das Lehrschreiben von Gegnern geschmäht wurde, ist nach 40 Jahren taufrisch wie eh und je, während Protestschreiben gegen die Enzyklika längst Ladenhüter von vorgestern sind.
HLI Österreich und die Europäische Ärzteaktion geben zum Jubiläum einen Sammelband zu Humanae vitae heraus. Darin der Text der Enzyklika und Beiträge von WB Andreas Laun, Msgr. Philip J. Reilly, Prof. Janet E. Smith u.a. – Aus dem Vorwort, Teil I.

 
HUMANAE VITAE - Der Glanz der Wahrheit (Teil I)     

„Einmal sprach ich mit Johannes Paul II. über die fast unüberwindbaren Schwierigkeiten in der Kirche. Der Papst schwieg eine Weile und sagte dann: ‚Das alles hat seine Ursache in Humanae vitae’.“1
Was genau meinte Johannes Paul II.?

Seit der Enzyklika Humanae vitae, die Papst Paul VI. am 25. Juli 1968 veröffentlichte, sind vierzig Jahre vergangen.  Vierzig Jahre, in denen die Enzyklika zunächst geschmäht, attackiert, lächerlich gemacht, dann ins Abseits gestellt und endlich vergessen wurde. Und dennoch: Humanae vitae erwies sich, allen Versuchen der Demontage und Diskreditierung zum Trotz, als widerstandsfähig, denn die im päpstlichen Dokument dargelegte Lehre ist keine Meinung im Gewitter der Meinungen, sondern die mit Vollmacht verkündete Lehre der Kirche Über die rechte Ordnung der Weitergabe des menschlichen Lebens, und diese Lehre ist wahr. Und die Wahrheit bleibt.
Worum geht’s?

hv_gross.jpgIn den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es der medizinischen Forschung gelungen, ein Präparat zu entwickeln, daß die weibliche Fruchtbarkeit derart zu manipulieren verstand, daß die Möglichkeit einer Schwangerschaft ausgetrickst werden konnte. Die „Antibabypille“, wie der Volksmund das Präparat bald nannte, trat in den sechziger Jahren sodann ihren Siegeszug an, versprach sie doch ungestörten Sexualgenuß ohne das leidige Nachdenken über etwaige unerwünschte Schwangerschaften. Der Siegeszug äußerte sich auch in einem beispiellosen pharmazeutischen pekuniären Gewinn. Bereits 1964, drei Jahre nach Einführung des Präparates auf dem europäischen Markt, bedeuteten 2,33 Millionen verkaufte Packungen eine Verdreifachung des Umsatzes gegenüber dem Vorjahr. Die Kontrazeption mutierte mehr und mehr zum probaten Mittel der Wahl im Ehealltag. Die Kirche, so meldeten sich Stimmen zu Wort, solle diesem euphorischen Fortschritt endlich ihr Sanctus erteilen, die Pille war schließlich die vollendete Tatsache und an dieser Tatsächlichkeit ließ sich nicht rütteln.

Papst Paul VI. rief Expertengremien ein, die aus unterschiedlichen Perspektiven die Sachlage erörtern sollten. Erst nach intensiven Beratungen ging der Papst schließlich mit der Enzyklika Humanae vitae an die Öffentlichkeit. Darin hieß es nun: „(…) ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel (…) Die Kirche bleibt sich und ihrer Lehre treu, wenn sie einerseits die Berücksichtigung der empfängnisfreien Zeiten durch die Gatten für erlaubt hält, andererseits den Gebrauch direkt empfängnisverhütender Mittel als immer unerlaubt verwirft“ (HV Nr. 14; Nr. 16).

Das klare Votum des Papstes exakt zu einer Zeit, in der die Liberalisierung der Sexualität nun auch technisch in greifbare Nähe gerückt war, wirkte als Schock. Indem man von der „Pillenenzyklika“ sprach, versuchte man das Lehrschreiben auf ein rigides moralisches Verbot zu reduzieren und damit zu disqualifizieren. Was man geflissentlich verschwieg, war, daß nicht das Verbot der empfängnisverhütenden Mittel die Mitte des päpstlichen Lehrschreibens bildete, sondern die präzise Darlegung der Ehe, wie sie dem Schöpfungsplan und dem Wesen der Ehe entspricht. Das Nein zur Pille war kein inquisitorischer Akt, sondern die logische Konsequenz für den, der die Schönheit und Würde der Eheberufung verstanden hatte.

Paul VI. wußte, was auf dem Spiele stand. Die Entscheidung zu Humanae vitae hatte er sich zähem Nachdenken, Beraten und Beten abgerungen. Es war eine alles fordernde, eine durchkämpfte und durchlittene Entscheidung. Eine Wallfahrt nach Fatima brachte letzte Klärung. Der Papst wußte, daß sein Wort, das er im Einklang mit der Tradition verkündete, auf Protest stoßen würde. Er wußte um das Zeichen des Widerspruchs, das sein Wort sein würde. Und er bat alle Menschen guten Willens, zumal auch seine Mitbrüder im kirchlichen Amt und die Lehrer der Moraltheologie, das Verkündete zu beherzigen und unverfälscht weiterzureichen.

Doch es kam anders. „Denn ‚Humanae vitae’“, wie Weihbischof Laun zum seinerzeitigen dreißigjährigen Jubiläum der Enzyklika schrieb, „hat nicht nur einen kurzlebigen Protest von Moraltheologen ausgelöst, sondern steht am Anfang einer großen Abfallbewegung, von der wir heute noch nicht wissen, wo sie enden wird.“2 Der deutsche und österreichische Episkopat versuchte die Wogen der Empörung, die insbesondere von diversen Medien geschürt wurden, zu glätten, indem er in zwei Erklärungen, der deutschen Königsteiner Erklärung einerseits, der österreichischen Maria-Troster Erklärung andererseits, die beide faktisch das päpstliche Lehrschreiben schwächten, einräumte, daß eine berechtigte Gewissenabweichung von dem im Dokument Dargelegten möglich und vertretbar sei. Selbst unterstellt, daß beide Erklärungen aus einer Hirtensorge heraus veröffentlicht wurden, so waren gleichwohl die Konsequenzen des bischöflichen Spagats katastrophal. Der Moraltheologe und Ratzingerschüler Vincent Twomey resümiert hinsichtlich der Königsteiner Erklärung (und das Gesagte gilt gleichfalls für die Maria-Troster Erklärung des österreichischen Episkopats): „Die westdeutsche Bischofskonferenz veröffentlichte ihre etwas zweideutige Antwort auf Humanae vitae in der Königsteiner Erklärung, mit der sie zugleich die Lehre des Papstes annahm und die Menschen ermutigte, ‚ihrem Gewissen zu folgen’, worunter zu jener Zeit eine in Widerspruch zur traditionellen, von Papst Paul VI. bestätigten Lehre stehende Handlungsweise verstanden wurde – falls diese jemand für richtig hielt. Indem sie über die Sprünge hinwegschrieben, mögen die Bischöfe die Kirche in Westdeutschland zusammengehalten haben, aber die Sprünge waren Spalten im Felsen, auf dem die Kirche erbaut ist. Und die Spalten reichten fast bis zum Abgrund.“3


(Fortsetzung folgt...)
 

Fußnoten:

1) So der Salzburger Alterzbischof Dr. Georg Eder im Rupertus Blatt v. 17.April 2005, VI.
2) Andreas Laun, 30 Jahre „Humanae vitae“ – eine Bilanz, in: Kirche heute, Nr. 10/1998, 5-8.
3) S. Vincent Twomey SVD, Benedikt XVI. Das Gewissen unserer Zeit. Ein theologisches Portrait, Augsburg 2006, 16.