Das Christkind

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HLI Österreich
wünscht allen Freunden Gesegnete Weihnachten 2007 und erzählt eine Kindergeschichte der besonderen Art. –
Von Manfred M. Müller

 

„Antonietta und Jesus“   

Am 15. Dezember 1930 erblickt Antonietta Meo in Rom das Licht der Welt. Zwei Wochen später, am 28. Dezember, dem Tag der Unschuldigen Kinder, wird sie in der Basilika Santa Croce in Gerusalemme (der Basilika, wo die Reliquien vom Leiden Christi aufbewahrt werden) getauft. Die Eltern sind wohlhabend, in der Familie herrscht ein gläubig-katholischer Geist. Nennolina, wie Antonietta von Eltern und Verwandten genannt wird, ist ein lebhaftes, fröhliches Kind. In den Kindergarten der Schwestern vom Heiligsten Herzen geht sie gerne. Sie ist aufgeweckt und wissbegierig, die frommen Unterweisungen der Schwestern wie überhaupt die ganze Atmosphäre im Kindergarten beeindrucken sie tief, ihr kindliches religiöses Gemüt bewegt sich wie selbstverständlich zwischen Spielen, Scherzen, Gebeten und frommen Übungen.

 

Der Schock


Anfang des Jahres 1936 – Nennolina ist noch keine fünf Jahre alt – stellen die Eltern am linken Knie der Kleinen eine Schwellung fest. Man glaubt zunächst, es handle sich um die Nachwirkung eines Sturzes. Aber Antoniettas Schmerzen hören nicht auf. Ein Arzt empfiehlt Jodeinspritzungen. Antoniettas Mutter selbst nimmt diese Injektionen vor, und beim ersten Mal krümmt sich die Kleine vor Schmerzen. Die Behandlung wird fortgesetzt, erweist sich aber als Fehldiagnose. Ein weiteres ärztliches Gutachten ergibt schließlich den schrecklichen Befund: Knochenkrebs. Sie kommt ins Krankenhaus, die Mediziner raten zur Amputation des Beines. Für die Eltern ist es ein Schock, nicht so für Antonietta. Als die Mutter ihr Kind auf die anstehende Operation vorbereiten will und sagt: „Nennolina, wenn jetzt Jesus alle deine Spielsachen von dir forderte, würdest du sie Ihm geben?“, antwortet Antonietta sicher: „Ja, Mama.“ Darauf fährt die Mutter fort: „Und wenn Jesus eine deiner beiden Hände haben wollte?“ Nach einem kurzen Nachdenken antwortet die Kleine: „Ja, Mama, wenn Jesus es wollte, dann auch die Hand.“ Die Mutter will weitersprechen, aber die Stimme versagt ihr.

  Am 25. April 1936 wird Antoniettas Bein amputiert. Sie beklagt sich nicht, sie jammert nicht. Die Wundbehandlung nimmt sie bereitwillig auf sich. Eines Tages sagt sie zum Staunen des Pflegepersonals: „Heute bin ich Missionarin“, womit sie meint, dass sie alles Unangenehme aufopfert für die Missionare. Ihrer Mutter, die ob der Fröhlichkeit ihrer Tochter zweifelt, ob die Kleine überhaupt registriert, was ihr widerfahren ist, und die deswegen an das Gespräch vor der Operation anknüpfen will, wo vom Geschenk der Hand für Jesus die Rede war,  erhält von Nennolina, die den Gedankengang der Mutter sogleich begreift, die Antwort: „Es sind so viele Sünden in der Welt, da muß jemand sühnen.“ 

Ein orthopädischer Apparat wird angefertigt, so dass Antonietta ohne Krücken gehen kann. Das Anpassen des Apparates ist schmerzhaft, das Tragen mühsam, aber Antonietta ist guter Dinge. Sie setzt ihr gewohntes Leben fort, geht zur Schule, freut sich beim Spielen und tröstet die Anderen, die sich Sorgen machen. Um ihre Mutter aufzuheitern, stellt sie sich bisweilen, wenn sie diese nahen hört, geschwind in ihrem Bett auf dem einen Bein auf und ruft lachend: „Siehst du, Mama, dass ich auch so aufrecht stehen kann?“ 

 

Die Briefchen

Es ist um diese Zeit, dass die Briefchen beginnen. Ein Priester hat der Kleinen mitgeteilt, dass sie an Weihnachten zur Erstkommunion gehen darf, Antoniettas Mutter gibt ihr abends Katechismusunterricht. Und Antonietta beginnt damit, ihrer Mutter kleine Briefchen zu diktieren, die sie anschließend unter die Staue des Jesuskindes legt, welche neben ihrem Bett steht. „Für sie war dies zunächst ein Spiel“, erklärt später die Mutter im Rahmen des Seligsprechungsprozesses. „Dann schlug ich ihr vor, einen Brief an die Oberin der Schwestern des Kindergartens zu schreiben und sie um die Erlaubnis zu bitten, in ihrer Kapelle am Heiligabend in der Christmette die Erstkommunion zu empfangen. Nach dem Gebet zum Schutzengel wurde es langsam zur Gewohnheit, dass Antonietta mir ‚Poesien’ (wie sie ihre Briefchen nannte) diktierte: zunächst für mich, dann für ihren Papa und Margherita (ihre Schwester) und schließlich für Jesus und die Gottesmutter. Ich nahm das erstbeste Blatt Papier und schrieb nur lächelnd und wohlwollend das auf, was sie in großer Schlichtheit und Sicherheit diktierte.“   Viele der Briefchen sind verloren gegangen, weil die Mutter nicht viel Aufhebens um sie machte. „Meine Mutter“, so Margherita, „war eine zurückhaltende, umsichtige, konkrete Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden stand. Sie war sicher nicht sentimental oder leichtgläubig. Leichtfertigen Schwärmereien begegnete sie mit Ernüchterung (…) Sie versuchte immer, die Lobreden auf Antonietta herunterzuspielen, und es gefiel ihr nicht, wenn man sie idealisierte.“ Das erste Briefchen stammt vom 15. September 1936. Antonietta ist fünf und diktiert: „Liebster Jesus, heute gehe ich spazieren, und ich gehe zu meinen Schwestern, und ich sage, dass ich an Weihnachten zur Erstkommunion gehen will. Jesus, komm recht bald in mein Herz, damit ich dich ganz fest an mich drücken und küssen kann. O Jesus, ich will, dass du immer in meinem Herzen bleibst.“  

Als Antonietta im Oktober in die Grundschule kommt, will sie möglichst schnell schreiben lernen, um Jesus ihre Liebesbriefchen anzuvertrauen und um eigenhändig unterschreiben zu können: „Antonietta und Jesus.“ Denn wie für Pater Pio, so gilt auch für sie: Tutto e scherzo d’amore. Alles ist ein Liebesspiel. In den Briefchen verschenkt sie immer aufs neue ihre Umarmungen, ihre Küsschen, ihre Zärtlichkeiten. Sie liebt Jesus, der kein ferner Geliebter ist, sondern ihr Spielfreund, ihr nahester Vertrauter: „Jesus, komm mit mir zur Schule. Ich gehe so gerne hin; du musst meine Lehrerin segnen, die uns Kinder so gern hat. Weißt du, lieber Jesus, dass mir die Schule gar so gut gefällt! Ich möchte selbst nachts dorthin gehen! Es gefällt mir so, weil man da von dir redet!“ Oder: „Heute habe ich ein bisschen Blödsinn gemacht, doch du, liebster Jesus, nimmst dein Kind auf den Arm.“ Und vor dem Tabernakel hört man sie ausrufen: „Jesus, komm und spiel mit mir!“ 

Besonders vor dem Weihnachtsfest, vor dem großen Ereignis ihrer Erstkommunion, sind ihre Liebesbeteuerungen voller Zartheit und Sehnsucht. Sie zählt die Tage und Stunden, bis es soweit ist. Einen Tag vor dem großen Fest diktiert sie ihrer Mutter: „Liebster Jesus, wenn du morgen in mein Herz einkehrst, so bedenke, dass meine Seele ein Apfel ist. Und wie der Apfel Kerne hat, so mache, dass es in meiner Seele ein Schränkchen gibt. Und wie es unter der schwarzen Schale der Kerne einen weißen Kern gibt, so mache, dass in dem Schränkchen deine Gnade ist, die wie der weiße Kern ist.“ Ihre Mutter staunt und fragt nach: „Antonietta, was redest du da daher? Was soll dieses in, das woanders drin ist, bedeuten? Was soll das heißen?“ Und die Mutter berichtet weiter: „Ich versuchte vergeblich, ihr dies auszureden. Schließlich erklärte sie mir: ‚Höre, Mama, bedenke daß meine Seele ein Apfel ist. Im Apfel sind diese schwarzen Dinger, das sind die Kerne. Und in der Schale der Kerne, ist da nicht dieses Weiße da? Nun gut, dann bedenke, dass dies die Gnade ist.’ Ich fand, dass dieser Vergleich, der mir gar nicht bekannt war, tief war, doch ich wollte mich nicht geschlagen geben und wandte erneut ein: ‚Wer hat dir denn das weiß gemacht? Hat die Lehrerin in der Schule einen Apfel genommen, um euch zu erklären…’ – ‚Nein, Mama’, erwiderte sie treuherzig, ‚das hat nicht die Lehrerin gesagt, das habe ich mir so ausgedacht.’ Dann schloß sie ihren Gedanken mit der Bitte: ‚Jesus, gib, dass diese Gnade immer, immer bei mir ist.’“  


Antoniettas Kniebank in der Kapelle ist am Heiligabend mit weißen Rosen und einem Perlmuttkreuz geschmückt. Ein paar Stunden vorher hatte sie noch zu Jesus gesagt: „Komm, komm, o mein Jesus! – Ganz Deine Antonietta.“ Jetzt sehen die Anwesenden, wie Antonietta nach der Christmette auf ihrem Schemel kniet, mit dem orthopädischen Apparat, der ihr Schmerzen bereitet.


Das letzte Briefchen

Im darauffolgenden Mai empfängt die Kleine das Sakrament der Firmung. Am Vorabend schreibt sie mit ungelenken, großen Buchstaben in ihr Heft: „Ich werde der Soldat Gottes sein!“ Danach schreitet ihre Krankheit zunehmend fort. Zum Erschrecken ihrer Eltern spricht sie jetzt manchmal von ihrem Tod. Als ihr Vater einmal daraufhin gesteht: „Aber Kind, wie sollte ich da nicht weinen?“, antwortet sie: „Du musst dich zwingen. Und übrigens werde ich dich vom Himmel aus nicht weinen lassen.“ Sie leidet an Atemnot, hustet elendiglich, kann nicht mehr aufrecht sitzen und ist an ihr Bett gebunden. Aber wenn sie gefragt wird, wie es ihr geht, sagt sie immer: „Es geht mir gut.“
  Am 2. Juni schreibt sie ihr letztes Briefchen – es gelangt bis in die Hände des damaligen Papstes Pius XI. Antoniettas Mutter erinnert sich: „Ich setzte mich zu ihr ans Bett und schrieb, was Antonietta mir mit Mühe und Not diktierte: ‚Liebster gekreuzigter Jesus, ich habe dich sehr gern, und ich habe dich sehr lieb! Ich möchte bei dir auf dem Kalvarienberg sein. Liebster Jesus, gib mir die nötige Kraft, um diese Schmerzen auszuhalten, die ich dir für die Sünder aufopfere.’ In diesem Augenblick überfielen sie ein heftiger Hustenanfall und starker Brechreiz, doch kaum, dass alles vorüber war, wollte sie gleich weiter diktieren: ‚Liebster Jesus, sag dem heiligen Geist, er möge mich mit Liebe erleuchten und mich mit seinen Gaben erfüllen. Liebster Jesus, sag der Gottesmutter, dass ich sie sehr lieb habe und bei ihr sein will. Liebster Jesus, ich will dir immer wieder sagen, dass ich dich sehr lieb habe. Mein guter Jesus, ich empfehle dir meinen geistlichen Vater. Gib ihm die nötigen Gnaden. Liebster Jesus, ich empfehle dir meine Eltern und Margherita. Dein Kind gibt dir so viele Küsschen.’ Ich verspürte ganz plötzlich ein Gefühl der Auflehnung, als ich sah, wie sie litt, und in einem Wutanfall knüllte ich das Blatt zusammen und warf es in eine Schublade. Einige Tage später rief Dr. Vecchi den päpstlichen Hausarzt, Prof. Milani, zu Antonietta und bat ihn um Rat. Er sagte, der Zustand des Mädchens sei ernst, sie müsse daher zu einer erneuten Operation ins Krankenhaus gebracht werden. Der päpstliche Hausarzt blieb noch eine Weile und sprach mit Antonietta. Er wunderte sich, dass sie solch große Schmerzen ohne Klagen ertrug. Mein Mann erzählte ihm von den Briefchen, die sie schrieb. Er bat, den letzten lesen zu dürfen, und ich wagte nicht, ihm diese Bitte zu verweigern. Ich holte den Brief aus der Schublade, wohin ich ihn an jenem Tag gelegt hatte, und zeigte ihn ihm. Nachdem er ihn gelesen hatte, sagte er, er wolle mit dem Papst über Antonietta sprechen, und bat um die Erlaubnis, den Brief mitzunehmen. Ich erwiderte stammelnd: ‚Ich … weiß nicht, … ob …“ ‚Aber Frau Meo’, sagte er, ‚es ist doch der Papst.’ Am darauffolgenden Tag hielt ein Auto des Vatikans vor unserem Haus. Eine von Papst Pius XI. persönlich gesandte Delegation brachte dem Kind den Apostolischen Segen. Der Papst ließ uns sagen, er sei von dem Brief stark beeindruckt gewesen. Auch Prof. Milani überließ uns ein Kärtchen, auf dem er Antonietta bat, ihn dem Herrn zu empfehlen und für ihn jene Gaben zu erflehen, um die sie ihn selbst gebeten hatte.“  


Der Lilienregen

Der Krebs hat mittlerweile ihren ganzen Körper befallen. Antoniettas Brust ist durch den Tumor derart zusammengepresst, dass sich ihr Herz verschiebt. Sie leidet unter peinigender Atemnot. Drei Rippen müssen ihr weggeschnitten werden, doch der Eingriff kann aufgrund der extremen körperlichen Schwäche Antoniettas nur bei örtlicher Betäubung durchgeführt werden. Die Mutter versucht sie zu trösten, verspricht ihr – die Tränen zurückhaltend – eine Reise ans Meer, wenn alles ausgestanden sei. Antonietta erwidert darauf: „Mama, freue dich und sei froh … in nicht einmal zehn Tagen werde ich hier herauskommen.“ Was niemand ahnt: Mit dieser Zeitangabe hat die Kleine den Tag und die Stunde ihres Todes im vorhinein benannt. Da sie weiterhin Fröhlichkeit und Heiterkeit ausstrahlt, fragt sich die Mutter irgendwann, ob ihr Kind überhaupt leidet. Sie geht zum behandelnden Arzt und will Klarheit: „‚Herr Doktor, ich glaube nicht … sagen Sie mir die Wahrheit, sagen Sie mir, leidet Antonietta wirklich sehr?’ – ‚Aber Frau Meo, was für eine Frage stellen Sie da! Was sagen Sie da! Seien Sie still! Die Schmerzen sind unerträglich.’ Ich kehrte zu ihrem Bettchen zurück … ich konnte meine Stimme nicht mehr beherrschen, und zum ersten Mal sagte ich: ‚Antonietta, segne deine Mama, Antonietta, segne die Mama.’ Mit großer Mühe machte sie mit der Hand ein Kreuzzeichen auf meine Stirn.“  


Ein Priester bringt ihr die Sterbesakramente. Antonietta küsst zärtlich ihr Erstkommunionkreuz. Im Morgengrauen des 3. Juli 1937 tritt der Vater an ihr Bett, richtet das Kissen und will ihr einen Kuß geben.
Antonietta flüstert: „Jesus, Maria … Mama, Papa …“ Es sind ihre letzten Worte. Am nächsten Tag wird der kleine weiße Sarg durch die bewegte Menge in die Basilika Santa Croce in Gerusalemme getragen. Bald nach ihrem Tod erscheinen erste Lebensbeschreibungen, Gebetserhörungen geschehen, der Ruf der Heiligkeit verbreitet sich, 1972 wird das diözesane Verfahren zur Vorbereitung der Seligsprechung abgeschlossen. Papst Benedikt XVI. unterzeichnet im Dezember 2007 das Dekret, in dem bestätigt wird, dass Antonietta Meo ein heroisches Leben geführt hat.


Antonietta - mit zweitem Vornamen Theresia (nach der hl. Theresia vom Kinde Jesu) - hatte einmal mit Hinweis auf ihre Namenspatronin gesagt: „Sie hat versprochen, einen Gnadenregen fallen zu lassen. Ich werde einen Lilienregen senden, weil ich im Paradies immer für die Rettung der Seelen beten werde.“ Und Nennolina hält ihr Wort.

Literatur: Annette di Rocca, „Nennolina Meo“, Kanisius Verlag, 1951. Stefania Falasca, Die Briefchen von „Nennolina“, in: 30Tage, 4/1998. Antonietta Meo, in: Gottes Kinder, Bd. 2, hrsg. v. Freundeskreis Maria Goretti, 2001.  

 

„Es wird heilige Kinder geben!“ (Hl. Papst Pius X.)  

„Wahrhaft, der Herr ludit in orbe terrarum (spielt auf dem Erdenrund) und wirkt in den Seelen auf äußerst geheimnisvollen Wegen. Er gebe, dass viele durch die Lektüre der Biographie dieses nicht einmal siebenjährigen Kindes in das Geheimnis jener Weisheit eindringen, die sich den Hochmütigen verbirgt und den Kleinen offenbart.“ (Msgr. Montini, der spätere Papst Paul VI., nach der Lektüre der Biographie und der Briefe von Antoni)