(hli.at/DiePresse.com) Michael Prüller hat in der aktuellen Ausgabe von "Die Presse" einen Kommentar bezüglich dem Aufschrei gegen eine bundesweite Statistik über Abtreibung verfasst.
Hier der Kommentar im Wortlaut von Michael Prüller, "Die Presse":
Wenn Schwangerschaftsabbrüche sehr belastende Erfahrungen
sind, warum darf man dazu keine statistischen Daten sammeln, um besser
helfen zu können?
Es ist faszinierend zu sehen, wie viel Aufregung ein scheinbar
harmloses Vorbringen auslösen kann. VP-Familienstaatssekretärin
Christine Marek hat Anfang der Woche eine bundesweite Statistik über
Abtreibungen und ihre Gründe verlangt und damit bei SPÖ, Grünen und der
Abtreibungsbranche scharfe Ablehnung erfahren: Nichts da – genaue
Zahlen, valide Motivinformationen darf es nicht geben.
Natürlich wird die Forderung nach einer solchen Statistik auch
deswegen von Gegnern der Fristenlösung erhoben, um die ganze Sache im
Gespräch zu halten. Sie ist daher nicht ganz so politisch harmlos, wie
sie auf den ersten Blick scheint. Auffällig ist aber, wie sehr die
Gegner einer Statistik in ihren Ablehnungsstatements eigentlich gute
Gründe für dieselbe aus Tapet bringen.
Eine Befragung würde Frauen, „die es sich schon schwer genug machen“
(Gesundheitsminister Stöger, SPÖ), bzw. „Frauen in einer
Krisensituation“ (Monika Vana, Frauensprecherin der Grünen Wien) oder
„Frauen in einer Notsituation“ (SP-Frauensprecherin Gisela Wurm) nur
noch mehr belasten. Wenn aber eine Abtreibung, medizinisch ein
unaufregender Routineeingriff, also doch eine belastende Entscheidung
in einer belastenden Situation ist, wäre das eigentlich umso mehr ein
Grund, ihr auf den Grund zu gehen, um Frauen diese Notsituationen
ersparen zu helfen.
Dass das Gesundheitsministerium dazu sagt, es würde nicht auf
Statistiken setzen, sondern auf Prävention, ist nicht einmal rhetorisch
ein guter Einfall. Wie will man Situationen vermeiden helfen, deren
Auslöser man höchstens anekdotisch kennt – und wie will man den
Mitteleinsatz dafür planen, wenn die Dimension mangels Statistik
unbekannt ist?
Ermüdend ist auch das Mantra von der fehlenden Aufklärung und
den mangelnden Verhütungsmitteln, das in solchen Fällen geradezu
rituell aufgesagt wird. Mittlerweile ist schon die zweite Generation
Österreicherinnen im gebärfähigen Alter, die in der Schule obligaten
Aufklärungsunterricht hatte. Kondome finden sich heute an jeder
Supermarktkassa. Einzelne Angaben aus Abtreibungskliniken deuten
außerdem daraufhin, dass der typische Fall nicht der ahnungslose
Teenager ist, sondern Frauen über 30. Wie soll man denen noch
Aufklärung zuteil werden lassen? Freilich ist nicht sicher, ob diese
Angaben stimmen, denn es gibt ja keine verlässlichen Statistiken dazu.
Darf es ja auch offenbar nicht.
„Strafen ist keine Lösung“, heißt es in diesem Zusammenhang oft.
Aber ist Nichtfragen, Nichtwissen und Nicht-darüber-reden-Dürfen denn
eine Lösung? Was genau ist eigentlich der wunde Punkt, der Abtreibung
zu einem Tabu macht, dem man sich nicht einmal statistisch nähern darf?
Dazu eine Untersuchung wäre auch einmal interessant.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2009, Internet: www.DiePresse.com )
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